Wir spielen Fußball – eine andere Aufbauorganisation

Aufbauorganisationen in Unternehmen sind so eine Sache. In der Regel bilden diese Machtstrukturen ab. Wie aber sieht so ein Bild aus, wenn die Hierarchien agil, Macht und Einfluss variabel sind? Auch unser Unternehmen hat schon einige Organigrammformen durchlaufen. Das klassische Einliniensystem, eine Aufteilung in Sparten, erweitert um eine Sparten-Matrix-Organisation, bis zu einer Projektorganisation. Gepasst hat keiner dieser Schuhe so richtig. Wie in den meisten anderen Unternehmen auch entsprach das Organigramm nur unzureichend den formalen Strukturen der Aufbauorganisation und erfasste in keiner Form die informellen Strukturen.

Die Abbildung einer Aufbauorganisation verfehlt immer die Dynamik der Realität.

Schließlich haben wir für unsere Art die einzelnen Bereiche des Unternehmens miteinander zu verknüpfen eine ganz eigene Darstellungsform gefunden. Eine der Erkenntnisse, die zu berücksichtigen war: ich stehe als Geschäftsführer in diesem Bild nicht oben. Was ist schon “oben” oder “unten”. Für uns waren die Begriffe “vorn” und “hinten” eher zutreffend, wenn man mal die Kundenbrille aufsetzt und von dort aus in die Organisation blickt. Mit wem hat denn der Kunde mit Blick auf die Erfüllung eines Kundennutzens am ehesten zu tun? Na klar, mit unseren Monteuren vor Ort.

Wenn man, wie in unserem Haus, eine Führungsposition als Dienstleistungsauftrag und nicht als Machtposition versteht, dann ist auch allen Beteiligten nicht mehr wichtig wie herum eine Abbildung gedreht ist, wer über wem oder wer mit wem auf Augenhöhe dargestellt ist. Wichtig ist uns, dass unser Kunde die unangefochtene Pool-Position einnimmt. Um diesen dreht sich für uns nämlich alles.

Werkstattleiter, Abteilungsleiter und unser Betriebsleiter tragen deshalb die Struktur durch ihren Support auf dem Weg zum erzielten Kundennutzen. Unsere Unterstützungsprozesse sind bei den Kaufleuten im System ausgehängt und diese schürfen nach den benötigten Ressourcen aus Kapital, Material und Personal. Ein gutes Controlling hält dann hinten, oder unten (so wie es jedem Recht ist) alles zusammen und sorgt für Übersicht.

Kästen und Linien haben wir durch Flächen und Membranen ersetzt.

So entsteht weniger Abstand zwischen den abgebildeten Strukturen, um es genauer zu sagen: zwischen den Menschen. Auch das ist Absicht. Wer will schon Hoheitsbereiche und kleine Königreiche, die gegen wen und was auch immer zu verteidigen sind. Die unsichtbare Zugbrücke auf der Linie zwischen zwei Kästen ist allzu schnell hochgezogen und schon spielt jeder in seiner Blase. Das nennt man dann Beschäftigung und nicht mehr Arbeit. Wer mehr dazu wissen möchte, dem empfehle ich Lars Vollmers Bücher und die verschiedenen Podcast-Formate von intrinsify.

Hier aber nun unsere aktuelle bildliche Darstellung unserer Aufbauorganisation:

Wie gesagt: die gestrichelten Linien sind für uns Membranen durch welche Abstimmung und Coaching im Sinne von Führung als Dienstleistung fröhlich hin und her geht.

Aber wie erklärt man seine Organisation so, dass das jeder versteht und mit Leben füllen kann?

Kaum hatten wir diese Darstellung unserer lebendigen Organisation gefunden, stand ein Kundenbesuch an. Unser Organigramm ist seit je her Teil unserer Unternehmenspräsentation, damit Kunden sich auch auf diesem Weg buchstäblich ein Bild von unserer Arbeitsweise und unseren Verknüpfungen machen können. Da ich zu dieser Präsentation nicht im Haus sein würde, musste diese Aufgabe delegiert werden. Der betreffende Mitarbeiter war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht so lange Teil unserer Mannschaft und deshalb etwas unsicher dieses Bild korrekt interpretieren zu können. Ich wusste, dass er begeisterter Fußballer ist. Deshalb wählte ich für die Erläuterung die Sprache und Anordnungen einer Mannschaftsaufstellung. Erst während der Erläuterung wurde uns beiden bewusst wie gut diese Übertragung tatsächlich zu unserer Organisation passt.

Von da an war klar: wir spielen Fußball.

Unsere Stürmer, unsere Ronaldos, Messies, Müllers, oder wer auch immer jedem der Liebste ist, das sind unsere Monteure und Obermonteure. Diese verwandeln – und zwar Ressourcen und Können zu einem Kundennutzen. 

Der erreichte Kundennutzen ist für uns jeweils ein Treffer, ein geschossenes Tor.

Hinter unseren Monteuren befindet sich das Mittelfeld. Unsere Werkstatt- und Abteilungsleiter sorgen durch ihre Arbeit nämlich für die nötige Vorwärtsbewegung und Druck auf das Tor. Sie spielen sich die Bälle so zu, dass Lücken, Möglichkeiten, Handlungsspielräume für unsere Monteure entstehen und der Ball, die Ressourcen, zur rechten Zeit punktgenau zugepasst werden.

Unser Libero ist unser Betriebsleiter, der klassische Sechser. Er hat die erforderliche Übersicht, um den Spielverlauf zu lesen, um zu erkennen welche Flanke wie belastet ist, um durch einen geschickten Pass wieder für Luft zu sorgen. Er entscheidet auch, ob im Spielverlauf, dem operativen Geschäft, das Spielsystem flexibel der Situation anzupassen ist und wechselt die Aufstellung von 5-2-3 auf 4-3-3, oder spielt mit hängender Spitze.

In der Defensive haben wir starke Kaufleute. Die machen hinten dicht, so dass wir nirgends durch fehlende Ressourcen scheitern und uns so einen Treffer einfangen.

Jede Kundenbeschwerde ist für uns ein kassiertes Tor.

Unsere Kaufleute wissen: sie können im Normalfall nur dafür sorgen, dass wir nicht verlieren. Das ergibt im besten Fall ein Unentschieden. Gewinnen können wir immer nur durch den Einsatz unseres Mittelfeldes und vor allem unserer Stürmer. Ich habe schon zahlreiche Firmen erlebt, in denen große kaufmännische Dominanz und ausufernder Sparzwang herrschten. So richtig unter Druck die Konzentration auf eine exzellente Defensive ist, ersetzt diese aber keine aktive Offensive. Im Tor steht unser Controlling. So wie die besten Torhüter der Welt ein komplettes Spiel von hinten lesen und beeinflussen können, Motivation in der Mannschaft aufbauen, so agiert unser Controlling.

Information und Rückmeldung über die eigene Wirksamkeit ist purer Motivationstreibstoff.

Unsere Organisationsform leistet aber noch mehr. Ein Organigramm regelt üblicher Weise Zuständigkeiten und da liegt dann auch schon in vielen Fällen das Problem. “Ich bin nicht zuständig.” Wer kennt diesen Satz nicht. Für Kunden ein Moment maximaler Frustration, heißt es doch noch lang nicht am Ziel zu sein – Ausgang ungewiss. Jetzt stelle man sich einmal die Situation auf einem Fußballplatz vor. Nehmen wir zum Beispiel den FC Bayern München als derzeit eine der weltweit erfolgreichsten Mannschaften. So darf ich voraussetzen, dass Jerome Boateng als Verteidiger und Thomas Müller als Stürmer, auch bei wenig fußballaffinen Menschen, bekannte Namen sind.

Also, Jerome Boateng steht vor dem gegnerischen Tor, denn die Bayern haben alle Kräfte nach vorn geworfen. Die Spielsituation ist unübersichtlich, es herrscht Spannung in der Luft. Der Spielstand ist 1:1 und die Bayern müssen diese Partie gegen Real Madrid unbedingt gewinnen, wenn sie die Champions League für sich entscheiden wollen. Es ist die 86-zigste Minute. Irgendwie findet der Ball zu Boateng. Dieser stopp den Ball gekonnt, dreht sich um und geht mit den Worten

“Los Thomas, schieß du. Ich bin hier nicht zuständig.”

Nein. Das kann sich kein Mensch vorstellen, der schon einmal ein Fußballspiel an diesem Punkt verfolgen konnte. Boateng wäre mit großer Sicherheit die längste Zeit Teil dieser Mannschaft.

Mannschaftsgeist ist das, was unsere Organisation prägt. Und genauso darf sich das gerne jeder hinsichtlich der Zusammenarbeit in unserem Unternehmen vorstellen. Es ist vollkommen egal wen aus unserer Mannschaft ein Kunde gerade am Telefon erwischt. Der Kundenwunsch ist damit platziert und wir sorgen hier intern für alles Weitere. Das kann ein Rückruf durch die fachlich entsprechend qualifizierte, oder vom Kunden gewünschte Person sein. Es kann aber auch eine direkte Erledigung der Fragestellung auslösen.

Und was macht der Chef?

Als Coach stehe ich natürlich am Spielfeldrand. Ich habe zuvor mit der Mannschaft die verschiedenen Spielsysteme und Standardsituationen rauf und runter trainiert. Ich halte nach neuen Spielern Ausschau , die hinsichtlich Werdegang und Spielanlage unsere Mannschaft optimal ergänzen. Wie gut diese in das Team passen, das bestimmt bei uns das Team – aber das ist ein anderer Blog-Artikel. Jedenfalls bin ich kein Spieler-Trainer, wie so viele andere mittelständische Unternehmer. Offengestanden: ich bin auch ein miserabler Fußballer. Meine Ballbeherrschung ist zum wegschauen und meine Schusskraft entwickelt die Urgewalt eines Steins auf einer schiefen Ebene.

Paragraph 1, jeder macht seins.

Deshalb ist es auch gut so, wenn ich nicht auf dem Platz stehe. Das gibt mir obendrein eine ganz andere Übersicht über das Spielsystem und erlaubt den Dialog mit den Spielern auf der Ersatzbank. Diese müssen schließlich auch optimal auf ihren Einsatz vorbereitet werden. Es ist kein Zufall, dass ab einer bestimmten Spielklasse Spielertrainer schlicht nicht mehr zu finden sind. Da muss dann jeder für sich selbst entscheiden in welcher Liga er spielen möchte.

 

Wie ist es in deiner Firma? Habt ihr auch schon eine spielerische Formation gefunden, oder laufen noch alle Fäden beim Chef als Nadelöhr zusammen? Ich freue mich auf deine Rückmeldung in den Kommentaren.

 

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