„Rettet die Plural“? Hab ich mich da vertippt, oder was soll denn der Quatsch?

Naja, dieser Appell kam mir in den Sinn, als ich gestern Abend einen der in letzter Zeit so modern gewordenen TV-Beiträge über gendergerechte Sprache verfolgt habe. Ich kann es nicht leugnen: meine Augen stolpern jedes Mal, wenn ich beim Lesen an einen Doppelpunkt oder ein Gendersternchen stoße. Noch mehr irritiert mich die Sprachpause vor dem „…innen“. Ja, wir sollen ja auch darüber stolpern, es soll uns aufmerksam auf die Vergessenen hinter dem generischen Maskulinum machen.

Aber sind denn mit unserem Plural nicht grundsätzlich immer beide, vielleicht sogar alle Geschlechter gemeint?

Nun, jetzt schauen wir doch erstmal auf den Singular. Wie lässt es sich denn damit so rumgendern? Der Monteur oder die Monteurin. Beides ganz klar, oder? Wo ist denn verflixt nochmal die Sprachform für diverse Monteure, diverse Monteurinnen oder auch gerne diverse Monteur*innen?

Ertappt! Dafür haben wir nämlich noch nix erfunden und alle bilden sich ein, mit der Konzentration auf die Verschwurbelung unseres Plural hätten wir die Frage im Singular befriedigend gelöst. Eben nicht!

Wer jetzt glaubt, von mir käme dazu ein durchdachter und wohl abgewogener Vorschlag, irrt. Ich halte sehr viel vom Schutz und dem Respekt gegenüber Minderheiten. Männer und Frauen machen aber nach meiner Wahrnehmung einen Anteil von weit über 99% der Gesellschaft aus. Ich glaube, wir können uns dann mit allem Respekt sich selbst divers zuordnenden Menschen gegenüber, ohne die Erfindung einer diversen Singularform, aus der Patsche helfen. Wenn sich so ein Singular bilden und eine tatsächliche Anwendung in unserer Sprache finden sollte, dann werde ich ohne mit der Wimper zu Zucken mir gegenüberstehende Menschen diverser Geschlechtsformen ohne weiteres mit dieser sprachlichen Neuerfindung ansprechen. Vorausgesetzt natürlich, ich habe Kenntnis von der geschlechtsspezifischen Eigenzuordnung dieser Person. Allerdings gilt es ja genau bei dieser Kennzeichnung wieder sorgfältig zu vermeiden, dass daraus kein Stigma wird und wir das Gegenteil vom eigentlich Bezweckten erreichen.

Klingt jetzt auch nicht gerade wie mitten aus dem Leben, oder?

Kommen wir doch lieber zum Plural, wo der Sturm der gendergerechten Sprache gerade so schön durch die Medien und auch durch viele Gemüter tobt.

Zunächst möchte ich – ernstgemeint – einen über den Zeitablauf gesehen gerechten Vorschlag einbringen. Wie wäre es, wenn wir bei allen Gelegenheiten das generische Femeninum verwenden? Es hieße dann eben „wir suchen Monteurinnen“. Klappt natürlich nur, wenn wiederum allen klar ist, dass mehrere und beiderlei, äh vielerlei Geschlechts gesucht werden. Aber eine Begrüßung mit „liebe Mitarbeiterinnen“ ist doch eindeutig genug. Wenn sich nun der männliche Teil der Belegschaft so gar nicht angesprochen fühlt, dann liegt dies vielleicht auch an noch etwas anderem, als nur dem Umstand mangelnder Übung und Gewohnheit.

Aber nochmal: ich könnte gut mit einer konsequenten Verwendung des generischen Femeninums für die nächsten zehn- bis zwanzigtausend Jahre leben. Wäre doch nur fair, oder?

Jedenfalls wäre es mir lieber, als diese doch recht künstlich auf mich wirkenden Misch- und Symbolformen. Wobei mir alle Diversen erneut nachsehen, dass diese mir dabei schon wieder ganz locker vom Tisch gepurzelt sind.

Die Anwendung des generischen Femeninums würde zumindest jedem männlichen Ignoranten in einmaliger Weise nachfühlbar machen, warum viele – längst nicht alle – Frauen sich bei Verwendung des generischen Maskulinums regelmäßig nicht angesprochen fühlen. Dies wäre zumindest ein gelungener Beitrag zum Perspektivwechsel.

Für alle Fans der aktuellen Moden zu Bemühungen um eine gendergerechte Sprache habe ich nun eine vielleicht neue, vielleicht erschütternde Nachricht. Womöglich ist es auch einfach nur eine Nachricht, die ein wenig die Luft aus der ganzen Sache nimmt.

Unsere Sprache ist auch ohne Sternchen, Doppelpunkte und Sprechpausen gendergerecht.

War sie schon vorher und wird sie auch noch sein, wenn die Diskussion um all dies soweit abgeebbt ist, dass sie keinem Journalisten und ebensowenig einer Journalistin und auch nicht diversen Journalist*innen noch einen Beitrag wert ist:

Schauen wir doch mal bewusst auf die Anwendung und das Geschlecht unserer Artikel. Im Plural steht dem Hauptwort regelmäßig ein „die“ voran. Auch wenn es nicht immer mitgesprochen und mitgeschrieben wird, so ist es als Wortbestandteil doch immer da. Jetzt mal die bescheidene Frage, welchen Geschlechtes denn der Artikel „die“ überhaupt ist? Achso, weiblich. Dann steckt doch im Plural von „Monteur“, also längst beides drin?

Ich finde schon. Die Monteure.

Der Artikel spricht alle Monteurinnen und das Hauptwort alle Monteure an. So sehe ich das jedenfalls.

Klar bleibt da eine Unschärfe. Wie mache ich das eigentlich korrekt gegendert, wenn ich eine gemischtgeschlechtliche Gruppe von Monteuren bitten möchte, dass diese sich getrennt nach Geschlechtern aufstellen sollen? Die Frage warum ich das wollen können sollte, lassen wir hier mal schlechterdings weg (oder heißt das jetzt gendergerecht „geschlechterdings“?). Ich sehe schon, dieser Blogbeitrag verwirrt mich jetzt schon.

Und wohin führen jetzt all diese, zugegeben nicht immer bierernst gemeinten, Vorschläg*innen?

Nun, sagen wir mal so. Die Versuche mit unserer Sprache in geschlechtsspezifischen Fragen zu sensibilisieren, sollen ja in erster Linie auch ein Beitrag zu mehr Toleranz und Fairness in unserer Gesellschaft sein. Genau so sollte dann auch jeder einzelne oder jede einzelne oder jedes einzelne oder… ach verflixt. Also ALLE sollten dann doch auch so tolerant und gelassen mit diesem Thema umgehen.

“Ich möchte jeden den sein oder werden lassen, der dieser gerne sein möchte.”

Dies ist einer meiner ganz zentralen Aussagen zu meiner Haltung anderen Menschen gegenüber. Deshalb auch dieser Artikel, weil es mir eben doch nicht egal ist, ob sich alle angesprochen, wahrgenommen und wertgeschätzt fühlen. Jetzt stelle man sich dieses Zitat korrekt gegendert vor: “Ich möchte jede, jeden und alle übrigen den, der oder das sein oder werden lassen, die, der oder das diese, dieser oder es gerne sein möchte.” Ich glaube jetzt wird es verständlich, dass ein solches Zitat dann niemand mehr versteht. Nebenbei: im letzten Halbsatz musste ich das Wort “keiner” durch “niemand” ersetzen, sonst hätte ich schon wieder gendern dürfen, können oder müssen.

Wir sind bei uns im Unternehmen eben Handwerker und deshalb große Fans einfacher, geradliniger Lösungen. Da wir mehrheitlich Männer sind, genügt uns das „die“ vor dem Plural des generischen Maskulinums, um auszudrücken, dass uns alle gleich lieb und wichtig sind. Umgekehrt wäre es für mich vollkommen OK, sogar angenehm, weil perspektiverweiternd, wenn in Organisationen und Situationen mit mehrheitlich Frauen ebenso klar und konsequent die weibliche Form des Plural Verwendung findet.

Wer das anders handhaben möchte, soll das gerne tun.

Ich kann das ihr, ihm, oder es gegenüber ganz wunderbar tolerieren. Umgekehrt erhoffe ich dies mir gegenüber bei meinem Umgang mit unserer Sprache genauso.

Abschließend noch einige ernstgemeinte Fragen und ich freue mich jetzt schon auf vielfältige Antworten in den Kommentaren:

Ist das Gendern eigentlich ein aktuelles und vielleicht auch ausschließliches Phänomen im deutschen Sprachraum, womöglich sogar nur in Deutschland?
Gibt es dieses Thema in Österreich und/oder der Schweiz?
Wie sieht es in anderen Ländern Europas aus?
Und Asien oder Afrika, wie sieht es dort aus?

Ich möchte das tatsächlich gerne wissen, denn der Blick über den Tellerrand hat ja schon andere gelehrt, dass der Teller in Wahrheit eine Kugel ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bleiben wir in Kontakt