Was können wir vom Ehrenamt lernen?

So viele Menschen sprechen heute vom “Warum” und der “Sinnstiftung” eines Unternehmens. Es sei wichtig diese Dinge in den Unternehmenskontext zu integrieren. Dabei war das früher doch viel einfacher. Da haben wir noch über Kunden, Märkte und Gewinnmaximierung gesprochen. Wo sind eigentlich diese Faktoren geblieben?

Nun, es geht natürlich immer noch darum Gewinne zu erzielen. Allerdings ist nach langen Jahren des “Milton Friedman´schen Kapitalismus” wieder eine stärkere Rückbesinnung auf ethische Aspekte der Unternehmensführung auf dem Weg zum Erfolg spürbar. Wie ich finde: Gott sei Dank.

Gewinnmaximierung ja, aber nicht mehr auf Kosten anderer.

So lautet vermehrt der Grundtenor. Wir begreifen zunehmend, dass wir uns im Kontext “der Wirtschaft” in einem unendlichen Spiel befinden. Der Unterschied zu einem endlichen Spiel ist, dass man ein unendliches Spiel nicht “gewinnen” kann. Es geht vielmehr darum so lange wie nur möglich im Spiel zu bleiben. Wer heute noch einer dopamingesteuerten Gewinnmaximierung als egozentrierter Leader nachjagt, der muss zunehmend feststellen, dass ihm sowohl von Kunden wie von Mitarbeitern die Gefolgschaft verweigert wird.

Wir streben nach Erfolg durch Anziehung statt Verdrängung. 

Aber was soll denn nun diese Sache mit dem Sinn bzw. dem Warum? Na, weil es eben nicht ausreicht auf eine ethisch untadelige Weise sein Geschäft zu betreiben. Kunden wie Mitarbeiter formulieren zunehmend, ob direkt oder indirekt, ihren Anspruch auf eine Antwort nach der Frage welchen Beitrag zu einer besseren Welt ein Unternehmen liefert. Genau darin steckt dann auch der Sinn. Ohne eine starke Begründung, warum es nun gerade dieser Sinn und kein anderer ist, ist jede Formulierung dazu aber schal und wirkt wie von außen aufgesetzt. Erst ein klares WARUM verleiht dem Sinn die notwendige Authentizität und den erforderlichen Schub auf unbegrenzte Zeit, den es in einem unendlichen Spiel nun einmal erfordert.

Alles schöner Schein, oder wo liegt der konkrete Nutzen?

Neben einer höheren gesellschaftlichen Akzeptanz liegen natürlich messbare und zu einer Gewinn- und/oder Kundennutzensteigerung beitragende Aspekte auf der Hand. Für die unverbesserlichen Friedman-Fans hebe ich diese hier gerne nochmal hervor. Ein auf die Gesellschaft einzahlender Sinn des Unternehmens, welcher durch ein unwiderstehlich starkes WARUM getragen ist, umrahmt von daraus abgeleiteten Werten und Prinzipien des Unternehmens, schaffen einen klaren Handlungsrahmen für Mitarbeiter. Durch diesen Handlungsrahmen sind zu jeder Entscheidung die Prioritäten offensichtlich und ein zunehmender Verzicht auf die Konzentration von, dem Organigramm nach oben folgenden, Entscheidungsbefugnissen wird möglich. Gleichzeitig sind Kontrollen und starre Regeln ebenso zunehmend verzichtbar.

Das Ergebnis ist mehr Freiheit, Leichtigkeit und stetig steigende Wirksamkeit der Mitarbeiter.

Diese Aspekte beschleunigen dann jede Handlung im Unternehmen, da Verhandlungen über den richtigen Kurs, Unsicherheiten oder Warten auf Entscheidungen “von oben” abnehmen. Das Unternehmen wird nicht nur viel attraktiver für Mitarbeiter, sondern ebenso für Kunden. Der Sand ist aus dem Getriebe und Kundennutzen werden schneller, beherzter und obendrein mit einem Lächeln auf den Lippen erreicht. All das macht den gesamten Prozess kostengünstiger. Damit ist nicht nur die kürzere Spanne zwischen Kundenwunsch und erfülltem Kundennutzen gemeint. Welchen Einfluss kürzere Durchlaufzeiten auf das Betriebsergebnis haben, muss hier hoffentlich nicht explizit erklärt werden. Auch Krankenstände und Arbeitsfehler gehen erheblich zurück.

Und was hat das jetzt alles mit dem Ehrenamt zu tun?

Menschen werden angezogen von dem Reiz an einer Sache mitzuwirken, die größer ist als man selbst oder auch das gesamte Unternehmen. Wie stark das im eigenen Unternehmen ausgeprägt ist, lässt sich an einer simplen Frage ausmachen: Welche Aufgaben im Unternehmen würden auch komplett ohne Bezahlung wahrgenommen? Unmöglich! Unfassbar! Was für eine unsinnige Frage. Sowas gibt es doch gar nicht…

Naja, das Ehrenamt funktioniert genau so. Dort setzen sich Menschen ohne jede Bezahlung für eine Sache ein, weil sie diese für hinreichend wichtig halten. Dabei ist es vollkommen gleich, ob dies soziales, politisches, sportliches oder anderes Engagement betrifft. Häufig genug geht es sogar über die fehlende Bezahlung noch hinaus und Menschen setzen nicht nur ihre Zeit und ihr Talent für eine gute Sache ein. Das reicht vom Verzicht auf einen Auslagenersatz bis hin zu erheblichen Beträgen, die in die Hand genommen werden.

Die Arbeit im Ehrenamt befriedigt so unmittelbar menschliche Bedürfnisse, dass es einer weiteren Form der Entschädigung nicht bedarf.

Gerade das aktuelle Hochwasser in der Eifel und anderswo zeigt, was Menschen aus eigenem Antrieb, mit zum Teil großer Opferbereitschaft, aus freien Stücken geben. Zeit, Ausstattung, Material, eine Obdach und noch viel mehr. Warum machen die das so ganz ohne jede Bezahlung und lassen es sich obendrein auch noch einiges kosten? Ganz einfach, weil sie einen Sinn dahinter sehen. Weil sie die klare Notwendigkeit nicht nur erkannt haben, sondern auch besonders stark fühlen. Sie wissen, dass es jetzt nicht auf die eigenen Interessen ankommt, sondern sie einen Beitrag leisten zu einer Sache, die viel größer ist als man selbst. Dieser Antrieb, der jetzt so wichtig ist in den Hochwassergebieten, entsteht aber eben nicht nur angesichts einer Katastrophe.

Auch ein besonders klares und attraktives Bild einer besseren Zukunft löst die gleichen Gefühle und Energien aus.

Und all das ohne jede Bezahlung. Aber so weit wollen wir in der so genannten Erwerbsarbeit ja gar nicht gehen. Menschen werden sich für den Arbeitsplatz in einem Unternehmen entscheiden, wenn neben der Bedürfnisbefriedigung durch die Arbeit das Einkommen so hoch ist, dass eine Arbeit in diesem Unternehmen ermöglicht wird. Ab welcher Einkommenshöhe diese Schwelle erreicht ist, hängt ganz individuell mit der Bedarfssituation jeder einzelnen Person zusammen. Werden dann aber Bedürfnisse ganz oder teilweise nicht befriedigt, oder noch schlimmer ignoriert, unterbunden oder regelrecht bekämpft, ja dann sieht es nochmal ganz anders aus. Dann ist der Arbeitgeber gezwungen durch ein entsprechendes Mehrgehalt dem Mitarbeiter die Möglichkeit zu eröffnen im Rahmen seiner Freizeit, seiner Hobbies für eine Bedürfnisbefriedigung zu sorgen.

Ein derartiges Mehrgehalt sind vermeidbare Mehrkosten für ein Unternehmen.

Das glaubst du nicht? Schau mal in die immer wieder gern beleuchteten Arbeitsbereiche in Krankenhäusern und der Pflege. Die Sinnhaftigkeit der dort verrichteten Arbeit ist so stark, dass die auf sich genommenen Belastungen in einem krassen Missverhältnis zur tatsächlichen Bezahlung stehen. Bei ähnlicher Bezahlung und vergleichbaren Belastungen für Arbeitsplätze in z.B. der Automobilindustrie fehlt mir schlicht die Phantasie, dass auch nur ein einziger Arbeitsplatz besetzt werden könnte. Besonders möchte ich hier hervorheben, dass durch überbordenden Regularien, geradezu Gängelung, Kontrollen, Dokumentationszwänge, Mangel an Anerkennung und Zeitdruck nur ein geringer Teil der Bedürfnisse der Arbeitnehmer im Gesundheitswesen befriedigt wird. Und dennoch ist die Sinnhaftigkeit der Tätigkeit so stark, dass selbst dies noch kompensiert wird.

Da sich aber die Arbeitsbedingungen in diesen Bereichen, entgegen aller politischen Beteuerungen, regelmäßig eher verschlechtern als verbessern, wendet sich dann schließlich doch ein zunehmender Teil der Arbeitnehmer von ihrer eigentlichen Berufung ab und sucht sich eine Tätigkeit, die genügend Einkommen sichert, um außerhalb der Arbeit der Bedürfnisbefriedigung z.B. im Ehrenamt nachgehen zu können. Oft genug sind genau diese Menschen dann ehrenamtlich beim Roten Kreuz, dem THW, der DLRG und ähnlichen Organisationen aktiv.

Was für ein Irrsinn!

Und? Gibt es in deiner Firma Arbeitsplätze, die so sinnvoll sind und so stark auf die Bedürfnisbefriedigung einzahlen, dass Menschen diese auch ohne Bezahlung ausfüllen würden? Was für Arbeitsplätze sind das und was macht diese so sinnvoll und erfüllend?

Was kannst du dazu beitragen, dass es auch in deinem Unternehmen immer mehr derartiger Arbeitsplätze gibt?

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